Was, wenn eines der spannendsten Moleküle im Bereich Longevity kein neues Medikament wäre, sondern ein Peptid, das der Körper selbst herstellt – direkt aus der DNA in den Mitochondrien? Genau davon spricht Ärztin Dr. Ashley Froese (Kanal This Is Not Covered) in ihrem Video über MOTS-c. Ihrer Einschätzung nach ist es eines der interessantesten Moleküle im Longevity-Bereich, über das aber kaum jemand richtig informiert ist.

Dieser Artikel fasst zusammen, was die Forschung tatsächlich zeigt – in Tiermodellen und in ersten Humandaten – sowie die Risiken und offenen Fragen, die man kennen sollte.

Was genau ist MOTS-c

MOTS-c ist ein 16 Aminosäuren langes Peptid, das aus der DNA innerhalb der Mitochondrien entsteht – den kleinen Zellorganellen, die für die Energieproduktion zuständig sind. Entdeckt wurde es 2015; der Name steht für "Mitochondrial Open Reading Frame of the 12S rRNA Type-C".

Wichtiger als der Name ist jedoch, was MOTS-c tut: Es handelt sich um ein Signalmolekül. Die Mitochondrien senden damit eine Botschaft an die restliche Zelle – und diese Botschaft kann eine ganze Kaskade an Stoffwechselveränderungen auslösen.

Wann der Körper MOTS-c natürlich produziert

MOTS-c wird im Körper ständig auf einem Grundniveau gebildet, die Produktion steigt jedoch bei metabolischem Stress deutlich an – insbesondere bei:

  • körperlicher Anstrengung und Training – der größte und schnellste Anstieg; die Werte bleiben danach stundenlang erhöht und unterstützen die metabolische Erholung,
  • Fasten oder Kalorienrestriktion,
  • niedrigem Sauerstoffgehalt im Gewebe,
  • extremen Temperaturveränderungen (Hitze wie Kälte), an die sich der Stoffwechsel anpassen muss.

Interessant: Der MOTS-c-Spiegel sinkt mit dem Alter natürlicherweise, was ein Grund dafür sein könnte, warum die mitochondriale Kommunikation und die metabolische Flexibilität im Alter nachlassen.

Wie MOTS-c im Körper wirkt

Laut dem Video funktioniert MOTS-c als Signal, mit dem die Mitochondrien die Zelle regelrecht dazu bringen, ihren Stoffwechsel neu auszurichten, um Stress besser zu überstehen. Konkret:

  • aktiviert AMPK, den zentralen Energiesensor des Körpers, was die Insulinsensitivität erhöht und Zellen hilft, Zucker effizienter aus dem Blut aufzunehmen,
  • hilft, "festsitzende" Fettsäuren abzubauen, die sonst Insulinrezeptoren blockieren,
  • öffnet den Weg zur Fettsäureoxidation, also zur Nutzung von Fett als Brennstoff in den Mitochondrien,
  • löst die mitochondriale Biogenese aus – also die Replikation mitochondrialer DNA und die Bildung neuer Mitochondrien – was die ATP-Produktion und den Abtransport von Stoffwechselabfällen verbessert,
  • unterstützt die muskuläre Ausdauer, indem Muskelzellen in Richtung eines ausdauerorientierten Profils verschoben werden – weshalb MOTS-c manchmal als "Exercise-Mimetikum" bezeichnet wird.

Was die Tierstudien zeigen

Dr. Froese nennt im Video mehrere Tierstudien:

  • In der ursprünglichen Entdeckungsstudie von 2015 entwickelten Mäuse unter fettreicher Ernährung, denen MOTS-c verabreicht wurde, im Gegensatz zur Kontrollgruppe weder Übergewicht noch Insulinresistenz. Bei Mäusen, die bereits Übergewicht und Insulinresistenz entwickelt hatten, wurden diese Zustände durch MOTS-c-Gabe umgekehrt.
  • Bei älteren Mäusen verlangsamte MOTS-c den altersbedingten körperlichen Abbau deutlich und verbesserte sowohl die Ausdauerleistung als auch den allgemeinen Gesundheitszustand im Alter (Healthspan).
  • In geschädigtem und dystrophem Muskelgewebe steigerte MOTS-c die Energieproduktion signifikant.
  • Bei diabetischen Ratten reduzierte MOTS-c die Verdickung der Herzwand um etwa 8 % und verbesserte die Effizienz des Herzens.
  • In einem Mausmodell mit induzierter Menopause (durch Entfernung der Eierstöcke) verlangsamte MOTS-c den Knochenabbau und aktivierte Stammzellen zum Aufbau neuer Knochensubstanz – ein Grund, warum MOTS-c als potenzielle künftige Behandlung von Osteoporose diskutiert wird.

Was die Humandaten zeigen

Neben Tiermodellen existieren auch erste Daten am Menschen:

  • Eine Studie aus Japan zeigte, dass Personen mit natürlich höheren MOTS-c-Werten tendenziell niedrigere Myostatin-Werte aufweisen – ein Protein, das das Muskelwachstum bremst. Weniger Myostatin könnte also potenziell weniger Begrenzung des Muskelwachstums bedeuten.
  • Frauen mit PCOS und Personen mit schwerer Schlafapnoe zeigen laut Studien deutlich niedrigere MOTS-c-Werte als üblich.
  • Eine Studie fand niedrige MOTS-c-Werte im Blut sowie in den Tumorzellen selbst bei Frauen mit Eierstockkrebs – die Zugabe von MOTS-c zu diesen Krebszellen verlangsamte das Fortschreiten der Erkrankung in diesem Modell deutlich.

Risiken und offene Fragen

Zur vollständigen Einordnung gehört auch das, was Dr. Froese im Video offen anspricht:

  • MOTS-c hat aus der Praxis den Ruf, häufiger als andere Peptide ausgeprägte Quaddeln an der Injektionsstelle zu verursachen, die tage- bis wochenlang bestehen bleiben können.
  • Manche Anwender berichten von Überstimulation, Nervosität oder Angstgefühlen.
  • Es gibt Berichte über Blutzuckerabfälle – da MOTS-c AMPK auf ähnliche Weise aktiviert wie Metformin oder Berberin, ist bei einer Kombination Vorsicht geboten.
  • Es besteht die theoretische Sorge, dass die Aktivierung bestimmter metabolischer Anpassungsgene unter bestimmten Bedingungen auch Krebszellen mit Energie versorgen oder deren Absterben verhindern könnte. Dies ist nicht belegt, aber eine legitime offene Frage.
  • Langzeitdaten zur Sicherheit beim Menschen fehlen bislang.
  • In der EU – und damit auch in Deutschland – ist MOTS-c nicht als Arzneimittel zugelassen und wurde von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) beziehungsweise dem BfArM nicht für die Anwendung am Menschen bewertet oder freigegeben. Es fällt ausschließlich in den Bereich der Forschungssubstanzen; eine Bewerbung mit gesundheitsbezogenen Wirkversprechen für den menschlichen Gebrauch ist nach dem Heilmittelwerbegesetz (HWG) und der EU-Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben nicht zulässig.

Fazit

Die Tierstudien zu MOTS-c sind wirklich beeindruckend – bessere Insulinsensitivität, stärkere Muskeln, gesündere Herzen und Knochen sowie ein verlangsamter altersbedingter Abbau. Erste Humandaten (Myostatin, PCOS, Schlafapnoe, Werte bei Krebspatientinnen) deuten in eine ähnliche Richtung, bleiben aber vorerst eher beobachtender Natur als groß angelegte klinische Studien. MOTS-c zeigt eindrücklich, dass Mitochondrien nicht nur "Kraftwerke der Zelle" sind, sondern aktive Signalzentren – doch wie Dr. Froese selbst sagt, heißt es vorerst abwarten, bis die Substanz zugänglicher und besser erforscht ist.

Interessierst du dich für weitere Forschungspeptide und ihre Wirkmechanismen? Eine Übersicht findest du auf unserer Seite mit Informationen zu Forschungssubstanzen, die wiederum zu den einzelnen Produkten für Forschungszwecke führt.

Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken, basiert auf einem öffentlich zugänglichen Video sowie veröffentlichter Forschung und stellt keine medizinische Beratung dar. MOTS-c ist in der EU nicht als Arzneimittel zugelassen und ausschließlich für Forschungszwecke bestimmt, nicht für den menschlichen Verzehr. Konsultiere vor jeder Entscheidung im Zusammenhang mit Peptiden eine fachkundige Person.

Quellen

  1. Dr. Ashley Froese – "The Truths about MOTS-c Nobody is Talking About", YouTube, This Is Not Covered: https://www.youtube.com/watch?v=wH8C8c_NbWE
  2. Reynolds et al., "MOTS-c is an exercise-induced mitochondrial-encoded regulator of age-dependent physical decline and muscle homeostasis", Nature Communications, 2021: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7817689
  3. Wan et al., "Mitochondria-derived peptide MOTS-c: effects and mechanisms related to stress, metabolism and aging", Journal of Translational Medicine, 2023: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9854231/